Weberschiffchen

Schulstraße 6-8

Anschrift (heute):
Schulstraße 6-8
Flurstück (heute):
Gemarkung Peitz, Flur 9, Flurstücke 226/4 (963.6 m²), 268 (445.3), 269 (34.2), 270 (1915.3), 273 (361.3), 275 (556.5), 276 (2479.5), 277 (753.0), 344 (2239.4), 346 (602.1), 424 (907.3), 425 (241.3), 426 (582.3), 445 (264.3), 446 (1469.9 m²)
Kurzbezeichnung:
BOYDE / REHN
Gründung:
1869
Firmengründer:
Carl BOYDE
Produktionsprofil:
Tuchfabrik
Umfirmierungen:
1869 Tuchfabrik Carl Boyde
1896 Firma Carl Boyde, Inhaber Carl Rehn
1945 Carl Rehn & Söhne in Treuhand
1954 Cottbuser Wollwarenfabrik, Werk VI
1969 VEB Textilkombinat Cottbus (TKC), Werk II
2003 Verwaltung u. Wohnkomplex am Rehnpark
Niedergang:
1990
heutige Nutzung:
Nr. 6: Amtsverwaltung Peitz, Nr. 8a: Ärztehaus mit Apotheke, Nr. 8b: Bibliothek u. DRK Rettungsstelle
 
Lagebild_2

Beschreibung/Erläuterungen:

Der Tuchfabrikant Carl BOYDE beantragte 1869 die Errichtung einer neuen Tuchfabrik an der Malxe, nachdem er vorher in einem Hinterhaus auf seinem Grundstück Lutherplatz 6 (früher Lazarettplatz) die Tuchherstellung betrieben hatte. /2/ S. 336

Im Jahr 1896 wird die Tuchfabrik an der Malxe von Carl REHN gekauft. /1/ S. 102 Die Firma heißt nun "Carl Boyde, Inhaber Carl Rehn". Die Malxe floss noch in der Mitte des heutigen Hofes und die Tuche wurden an der Luft jenseits der Malxe in der heutigen Parkanlage getrocknet. Daneben etwa auf dem heutigen Fussballplatzgelände lagen noch zum Betrieb gehörende Gärten und eine Landwirtschaft, in der auch besonders in der Erntezeit Lehrlinge eingesetzt wurden.

1911 stellt die sehr erfolgreiche Firma Drapéstoffe her. Nach einen Brand im Jahr 1912 ließ Carl REHN die alten Webstühle wieder aufbauen. Dieser Teil (Schulstr. 8 und 8 a) wird heute durch Arztpraxen, eine Apotheke, eine Bibliothek und für Wohnungzwecke genutzt. Mehrere Erweiterungsbauten vergrößerten den Fabrikkomplex, in dem auch Schallplatten hergestellt wurden. /2/ S. 336

Nach dem 1. Weltkrieg hieß die Firma mit dem Generationswechsel auf Carl und Julius REHN "Carl Rehn & Söhne" und wurde systematisch zu einer Volltuchfabrik ausgebaut. Das heißt, man bezog die Schafwolle direkt aus Australien und karbonisierte sie selber. Um Platz für ein neues Kesselhaus, Wolllager, Stopferei, Büros, Kohlebunker, Pferdestall, Turbine und Trafostation usw. zu schaffen, wurde die einst im Hofbereich fließende Malxe weiter nach Osten verlegt. Große Rohre brachten Brauchwasser vom neuen Flussbett zur Wäscherei und zur Walke. Das Schmutzwasser wurde in einem Kanal längs der Westseite der Schulstraße 8 bis zur Malxebrücke an der Dammzollstraße geführt. Hier konnte man sehen, welche Farbe die Tuche hatten, die gerade in der Wäscherei oder Walke gefertigt wurden.

Mitarbeiter der Tuchfabrik REHN um 1920, Quelle: Wendisches Museum Cottbus
Mitarbeiter der Tuchfabrik REHN um 1920, Quelle: Wendisches Museum Cottbus

In dem neuen Gebäude Schulstraße 7, das heute von der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Vorspreewald mbH genutzt wird, waren im Obergeschoss die Stopferei und eine Wohnung. Auch standen hier 10 Webstühle, da jeder auch noch so kleine Fleck wie im Altbau mit Webstühlen besetzt wurde. Im Erdgeschoss befanden sich von West nach Ost Pferdestall, Tuchlager, Eingang/ Treppenhaus, zwei Meisterbüros, wo der Lohn ausgerechnet wurde, ein Lohnbüro zur Auszahlung und das Büro mit Sekretariat von REHN.

Die Maschinen, einst über Transmissionen von einer Dampfmaschine angetrieben, konnten nach dem Bau einer zweiten Dampfmaschine und Turbine elektrisch versorgt werden. Der Dampf der ersten Maschine diente der Heizung und einzelnen Produktionsprozessen, die Dampf benötigten.

Wo sich heute die Apotheke befindet standen der Wolf und vier Krämpelsätze. Im Wolf werden die Wollfasern für den künftigen Farbton gemischt. Ein Krämpelsatz besteht aus drei hintereinander gereihten Maschinen, die aus den Fasern einen sehr feinen Flor herstellten, der mit Lederriemen zu feinen Streifen geschnitten wird, die aufgerollt zu je vier Rollen auf der Schulter von den Frauen in die Spinnerei in den ersten Stock hinauf getragen wurden.

In der Spinnerei, die im ersten Stock bis in das zweite Gebäude des Altbaus (Schulstraße 8a) reichte, standen links vom Treppenhaus vier, rechts drei Spinnmaschinen. Für die Frauen war es eine tüchtige Laufarbeit, denn sie hatten während der Spinnwagentisch ausfuhr brüchige Fäden flink wieder anzudrehen. In der Rückwärtsbewegung spulte die Maschine die gedrehten Fäden auf Hülsen, den sogenannten Pfeifen auf.

In der zweiten Etage befand sich die Zwirnerei. Hier wurde Streichgarn oder Kammgarn einfach, doppelt oder gemischt hergestellt.

In der dritten Etage war die Kettschärerei. 200-300 Pfeifen waren hier aufgesteckt. Die Fäden wurden im Kamm zusammen gepresst und zu 10-12 Bändern (auf 15 cm 3-4000 Fäden) auf dem Kettbaum gewickelt. Zum Transport eines Kettbaums waren vier Weber eingesetzt, die wegen der Schwere der Arbeit extra bezahlt wurden. Sie brachten die Kettbäume zu den im ganzen Betriebsbereich verteilten Webmaschinen. Dies waren bis 160 Webstühle und die Enge war groß.

Mit der Herstellung des DRAPE-Stoffes für schwarze Anzüge (Gehrock, Smoking) erlangte die Firma Weltruf. Die Kettfäden waren Kammgarn und die Querfäden/Schussfäden Streichgarn. Da auf der Tuchkante der Firmenname &Carl Rehn " Söhne - Peitz& eingewebt war, kannte man die Herkunft des Stoffes.

1931 folgte ein weiterer Neubau (Schulstraße 6, die heutige Amtsverwaltung), der überwiegend durch Betriebshandwerker (z.B. Maurermeister SCHLODDER aus Turnow) errichtet wurde. Der Wolf kam in die untere Etage, in den beiden oberen werden 52 Webstühle aufgestellt. Neue Sanitärräume (Bad, Dusche, Waschbecken) am alten Standort des Wolfes waren von großen Rohren durchzogen, die die gemischten Wollfasern von einem zum anderen Gebäude in die vier Krempelkammern bliesen.

Längs des neuen Malxebettes enstanden Gewächshäuser. Die Belegschaft konnte hier in den Nachkriegsjahren Gemüse kaufen. Weiter entstand gegenüber der Schulstraße 6 ein Stall für Pferde und Schweine. Im Winter mussten für die Heizung und Energiegewinnung täglich 60-80 Tonnen Braunkohle am Stadtbahnhof per Hand ausgeladen und mit Pferdefuhrwerken in die Fabrik gebracht werden. Als im Sommer 1945 Peitz oft ohne Strom war, tauschte der Bürgermeister in Welzow Butter vom Milchhof Peitz gegen Tonnen von Braunkohle ein und etwas Strom konnte sogar in das Stadtnetz abgebeben werden.

In den alten Pferdestall kamen auch Webstühle. Es wurde auch noch ein kleiner und großer Wollschuppen für die Lagerung der Wolle gebaut.

Mit der immer stärker werdenden Produktion von Militärstoffen verlief der zweite Generationswechsel nicht so einvernehmlich zwischen den Cousins Carl und Fritz, denn beide strebten die Selbstständigkeit an, aber keiner konnte den anderen auszahlen. Carl bekam als erster das Geld zusammen. Fritz REHN verließ Peitz, ging nach Aachen und gründete dort neue Fabrik.

Während des Krieges mussten Arbeiter für die Firma RASPE abgestellt werden und die Textilproduktion lief auf Sparflamme. Als Ersatz lief sogar eine Produktion von Rohlingen für die Schallplattenindustrie an. Bei RASPE wurden die Flugzeugtanks mit einer Gummilage umwickelt, damit ein Beschuss den Schaden mindert. Diese Gummilagen wurden von weißen Tüchern umgeben, die bei REHN hergestellt wurden. Das Patent soll später sogar die Amerikaner interessiert haben. Als Carl REHN zum Heer eingezogen wurde, übernahm sein Schwiegervater SCHNEIDER die Betriebsführung.

Bevor die Rote Armee von der Kleinen Heide kommend Peitz erreichte, wurde die Brücke in der Dammzollstraße gesprengt. Im Ergebnis hatten viele Fabrikfenster kein Glas mehr. Bitterer war aber, dass vor Kriegsende Wehrmachtssoldaten im Hof standrechtlich erschossen wurden. Sie hatten im Sekretariat stundenlang auf den Befehl aus Guben gewartet.

Carl REHN, der die Produktion nach Kriegsende wieder zum Laufen brachte, kam 1947 in ein sowjetisches Lager. Die einstige Schallplattenproduktion wurde als Nazipropaganda angesehen und ihm zum Verhängnis. Der Betrieb wurde unter gleichem Namen treuhänderisch verwaltet. Als sich 1950 die Rückkehr von Carl REHN ankündigte, schaffte sein Schwiegervater SCHNEIDER die Reprivatisierung. Carl REHN zog es aber zu seinem Bruder nach Aachen in die Bundesrepublik und der Betrieb wurde enteignet. 1954 wurde der Betrieb in die Cottbuser Wollwarenfabrik als Werk VI eingegliedert. Betriebsleiter war Herr SUPPAN.

Im Jahr 1969 wird das Werk in das Textilkombinat Cottbus (TKC) als Werk II eingegliedert. Im gleichen Jahr wird der alte Maschinenpark (ca. 160 Webstühle) verschrottet. Dafür werden Großrundstrickmaschinen aufgestellt.

Die Einstellung der Produktion erfolgte 1990. Nach einer Sanierung zog 1995 die Amtsverwaltung Peitz in das Gebäude Schulstr. 6 ein. Von dem gesamten Gebäudekomplex ist der südliche Teil mit der Schulstraße 6 denkmalsrelevant. /2/ S. 336

Diese Peitzer Tuchfabrik existierte am längsten. Nach 1900 beschäftige sie ca. 300 Mitarbeiter an über 160 Webstühlen, um 1970 waren es ca. 640 Mitarbeiter. Das Absatzgebiet reichte bis nach Skandinavien, Holland, in den Orient und in die USA. /1/ S. 102