Weberschiffchen

Geschichtliches

Zur Geschichte ab 1800 und ab 1900.

1700

Das Weben von Stoffen ist so alt wie die Menschheitsgeschichte und auch in Peitz gab es sicherlich seit den Anfängen einige Weber. Tuchmachermanufakturen sind bereits im 13. Jahrhundert in Cottbus und im 15. Jahrhundert in Frankfurt/Oder entstanden. In der Mitte des 18. Jahrhundert waren Forst und Spremberg sächsische Tuchmacherstandorte, denen u.a. Guben und Beskow folgten, ehe 1763 auch Friedrich der Große die Peitzer Oberfestung zur Pacht anbietet. Er favorisiert dort die Ansiedlung von Tuchmachern. Es kommt aber nur ein Angebot für eine Cattunmanufaktur. Ohne ein glaubwürdiges Geschäftsmodell fand sich kein Interessent der Tuchmacherzunft für dieses Großprojekt. Dieser erste Versuch schlug fehl. /1/ S. 43-44 Erst 1767 gelang es dem Kriegsrat KRUSEMARK 2 Tuchmacher aus Sachsen nach Peitz zu holen. 1769 kamen noch 3 Garnweber und 6 Tuchmacher dazu, darunter der Tuchbereiter BEREIN. Die meisten bezogen die Soldatenbuden zwischen dem Lieberoser Tor und der Oberfestung. /19/

Im Königreich Preußen fanden zu dieser Zeit mehrere derartiger Ansiedlungen statt. Ähnliches fand zum Beispiel in Kloster Zinna bei Jüterbog statt. Bereits Friedrich Wilhelm I. förderte solche Ansiedlungen wie z.B im nahegelegen Cottbus. Peitz war da aber noch eine Festungsstadt und in seiner wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt.

In seinem Edikt vom 30.08.1770 verbesserte Friedrich der Große die Zusagen für einen Zuzug von Tuchmachern aus dem Sächsischen, die letztlich zum Peitzer Standort der Tuchmanufakturen führten. Der Zuzug wurde begünstigt durch folgende Zusagen:

Die meisten kamen unter der Führung des Tuchmachers SCHREBBLER aus der BRÜHL'schen Tuchfabrik in Forst und aus Spremberg. Die Ansiedlung dieser 25 Familien (mit 96 Personen, einer verstarb kurze Zeit später) kostete die Summe von 3043 Taler und 9 Groschen.

Sie kamen in den ehemaligen Soldatenbuden am Wall zwischen Lieberoser Tor und Festungsturm unter. 7 Wohnungen waren im früheren Amtsmagazin und 3 auf der Oberfestung geschaffen wurden. /19/ S. 71 Nach /1/ S. 45-46 und /19/ S. 130-131 waren gehörten zu den ersten Tuchmachern:

  1. Johann Gottfried (Gottlob) SCHREBLER (SCHROEBLER), "Anführer" der ersten Ansiedler aus Forst (Sachsen)
  2. Christian Philipp SCHREBLER (SCHROEBLER), Sohn von oben
  3. Johann Daniel FERREIN, Tuchbereiter
  4. Friedrich GRIMM aus Spremberg (Sachsen)
  5. Gottfried (Gottlob) STANGE aus Spremberg (Sachsen)
  6. Christian Gottlieb (Gottlob) HOFFMANN aus Spremberg (Sachsen)
  7. Gottlob (Gottlieb) REMPEL aus Sachsen
  8. Emanuel (Immanuel) REMPEL aus Sachsen
  9. Johann Gottlieb BUCHHOLZ (BUCHHOLTZ) aus Spremberg
  10. Christian Friedrich SCHWANHÄUSER aus Sachsen
  11. Johann August POHLE aus Spremberg
  12. Gottlieb FEHRE
  13. Ephraim HANISCH aus Forst (Sachsen)
  14. Johann Christian STIEGEL
  15. Joh. Christian SCHÜLER aus Sachsen
  16. Christian Ernst WEINERT aus Forst (Sachsen)
  17. Christoph HERRENDORFF (HERRNDORFF) aus Guben
  18. Johann Gottfried (Gotthelf) LAUBISCH aus Görlitz (Sachsen)
  19. Christian Gottfried SPAHN aus Sachsen
  20. Carl Gottfried GRUPE aus Sachsen
  21. Jonas SCHMIDT aus Guben (Sachsen)
  22. August FRANKE aus Spremberg (sachsen)
  23. Joh. Erdmann EHRLICH aus Spremberg (Sachsen)
  24. Christian GRÄBERT aus Muskau, der bald verstarb und für den
  25. Samuel Gottlob (Joh. Gottlieb) GRÜNDER aus Görlitz (Sachsen)nachfolgte.
  26. Joh. Christian NIGIN aus Sachsen
  27. Gottlob ENDE aus Görlitz (Sachsen)
  28. Maria HOFFMANN aus Bojanowo (Polen)
  29. Anna Maria CONRADin aus Eutrich (Sachsen)
  30. Dorothea JACOBin und Sophia FABIAN aus Goldbach und Bautzen
  31. Gottfried SCHUSTER aus Bernstadt bei Zittau
  32. Ehrenfried KROCKER aus Meffersdorf
  33. Witwe(n) SCHMIEDin und WENZEL aus Zittau und Christianstadt
  34. Johann HORSCH aus Hennersdorf
  35. Samuel CUNDIUS aus Marienberg bei Dresden
  36. Witwe PIETSCHEL aus Pirna
  37. Marie WINCKLER aus Pirna
  38. Maria MÜLLER und Elisabeth ENLICHEN aus Reichenau bei Zittau und Nossen bei Dresden
  39. Matthes KRAMER aus Schönfeld bei Leipzig
Festungsweg, Quelle: diese Webseite
Festungsweg Peitz (hervorgehoben) an dem sich die Tuchmacher zuerst ansiedelten. Am nördlichen Ende des Festungsweges befand sich das Lieberoser Tor und am südlichen die Zitadelle mit dem Festungsturm (Wollmagazin).

Der Start stand unter keinem günstigen Stern. 1771 führte das Julihochwasser der Malxe zu einer Verbindung mit der Neiße. In der Folge gab es kein Heu und kaum Wolle und Getreide. Die Preise schnellten in die Höhe. Weihnachten kostete ein Viertel Getreide 1 Taler 18 Groschen. Man hungerte. Brot wurde auch aus Spreu und Knöterich gebacken, mit fatalen Folgen. /1/ So waren die finanziellen Reserven der Tuchmacher rasch aufgebraucht. Zudem waren viele Quartiere für die kinderreichen Familien mit ihren Webstühlen zu klein und in keinem guten Zustand. In dieser Not hatte die alteingesessene Bevölkerung kein gutes Verhältnis zu den "Ausländern". Die Tuchmacherfamilien verarmten und einige wie GRUPE, FRANKE und EHRLICH flüchteten zurück nach Sachsen in die Städte Forst, Guben und Spremberg. /1/ S. 45-46

Am 31.08.1773 tritt der Cottbuser Kommerzienrat Christian Ludwig LIERSCH als Händler für die Peitzer Tuchmacherfamilen ein. Er beschafft ihnen den Rohstoff Wolle und verkauft ihre daraus hergestellten Produkte. Die Verhandlungen mit LIERSCH führte der Kriegsrat KRUSEMARK. Man einigte sich auf eine einmalige Entlohnung von 900 Talern, 100 Taler mehr, als im Edikt von 1770 zugesichert waren. Der Vertrag wird über eine Laufzeit von 8 Jahren abgeschlossen. Das Peitzer Wollmagazin soll im großen Gewölbe des Festungsturmes, wo auch die Ratswaage stand, eingerichtet werden. /1/ S. 46 ff.

Die Peitzer Tuchmacher richten im November 1773 ein Gesuch an den König. Darin bitten sie um einen Vorschuß von 400 Talern, um bessere Wohnungen, um die Errichtung einer Walkmühle in Peitz und um einen "Kinderzuschuss". Daraufhin wird die Neumärkische Kammer angewiesen, den Vertrag mit LIERSCH hinsichtlich der Verzinsung zu prüfen. Der innere Wallgraben zur Oberfestung mit dem dort befindlichen Wollmagazin und den Tuchmacherhäusern wird völlig zugeschüttet. Gleichzeitig baut Maurermeister RICHTER das alte Wachthaus an der Malxe vor dem Cottbuser Tor zu einem brauchbaren Färbehaus aus. /1/ S. 49-50 Im Jahr 1776 erbaut der Mühlenmeister HOEHLE am Hammerstrom unweit des Hüttenwerkes eine Öl- und Walkmühle. Damit hatten die Peitzer Tuchmacher eine Walkmühle vor Ort und mussten nicht mehr nach Cottbus fahren. /1/ S. 56. Von diesem Mühlenstandort zeugen heute noch die beiden Walketeiche am Hammergraben südlich des Hüttenwerkes.

1776 übernimmt Johann Gottlieb BEREIN, selbst aus einer Tuchmacherfamilie stammend, das Amt des Bürgermeisters. Er pflegt eine besseres Verhältnis zu den Tuchmachern als sein Vorgänger KIRCHHOFF /1/ und erreicht, dass endlich die lange ausstehenden Gelder zur Ansiedlung der Spinnmeister gezahlt werden und betreibt die Ansiedlung von Tuchmachern auf wüsten Stellen in der Unterfestung.

Insbesondere gefördert durch den Bürgermeister BEREIN und Gottlob GRÜNDER schließen sich Anfang 1777 die Peitzer Tuchmacher zu einem Gewerk zusammen. Ernst WEINERT wird als Oberältester und Gottlob GRÜNDER als Nebenältester gewählt. Die Tuchmacherinnung Peitz stand damit auf eigenen Füßen. Nun galt auch für Peitz das "General Privilegium und Gülde Brief der Tuchmacher Gewerke in der Chur und Mark Brandenburg vom 8. November 1734". Die Abhängigkeit zu Kommerzienrat LIERSCH verringerte sich.

Später schlossen sich unter Aufsicht des 1. Senators die Gruppe der Leineweber zusammen, während die Tuchscherer in der Cottbuser Zunft blieben, aber gegen eine Gebühr (1815) auch in Peitz zwei Schaurahmen ausstellen durften.

Daraufhin kündigt am 23.08.1780 Kommerzienrat LIERSCH seinen Vertrag bezüglich der Peitzer Tuchmacher zu Ende August 1781. Kündigungsgrund ist der eigenmächtige Einkauf von Wolle durch die Innungsmeister Ernst WEINERT (Oberältester) und Gottlob GRÜNDER (Nebenältester). Die Kammer nimmt die Kündigung an, was LIERSCH nicht erwartet hatte. Der Einkaufspreis der nötigen Wolle für ein Stück Tuch lag bei 9 Reichstalern, 21 Groschen und 3 891/918 Pfennigen. Der durchschnittliche Verkaufspreis lag bei 18-19 Reichstalern. Der Gewinn lag damit bei einträglichen 80-90 %. Peitz produzierte von 1774-1780 1.864 Stück Tuch. Davon allein in den Jahren 1779-1780 910 Stück. Für Peitz war das Tuchmacherhandwerk damit ein wichtiger und einträglicher Wirtschaftsfaktor. /1/ S. 58-60

Am 31.05.1781 findet im Rathaus Peitz eine große Beratung zum Tuchmachergewerk statt. Von den ehemals angesiedelten Tuchmachern sind nur noch 15 am Ort. 4 sind heimlich geflüchtet, einer (SPAHN) ist Soldat geworden und 3 (Vater SCHREBLER, FEHR, GREBERT) sind gestorben. Es gibt aber auch neu hinzugezogene Tuchmacher bzw. Kinder der Tuchmacher, die sich selbständig gemacht haben. Folgende Familien betrieben noch das Tuchmacherhandwerk:

  1. Johann Gottfried SCHREBLER
  2. Gottlob REMPEL
  3. Johann Gottlob BUCHHOLZ
  4. Johann Gottlob GRÜNDER
  5. Ephraim HANISCH
  6. Ernst WEINERT
  7. Gottfried STANGE
  8. Gottlob HOFFMANN
  9. Johann Gottfried LAUBISCH
  10. Emanuel REMPEL
  11. Christoph HERRENDORF
  12. August POHLE
  13. Witwe GRIMM
  14. Christian SCHWANHÄUSER
  15. Christian SCHÜLER
  16. Christian Gottlob STANGE
  17. Johann Adam HECKSTEIN
  18. Christian Heinrich RÜDE
  19. Daniel Gottfried RÜFFER
  20. Johann Friedrich KOEHLER
  21. Johann Gotthilf STANGE
  22. Johann August HOFFMANN
  23. Michael BRAUN
  24. Johann Gotthilf MEYER

Die Quelle enthält auch detaillierte Angaben zum Besitz und zur Produktionsmenge der Tuchmacherfamilien. /1/ S. 63-70

08/1781: Kurz vor dem Auslaufen des Vertrages mit LIERSCH als Wollverleger der Peitzer Tuchmacher organisiert der Peitzer Bürgermeister BEREIN auf eigene Kosten das Wollmagazin im Festungsturm. Dies war notwendig, da der Kriegsrat KRUSEMARK seit der großen Beratung am 31.05.1781 nichts unternommen hatte. BEREIN borgt sich Geld und kauft Wolle ein, damit die Tuchproduktion nach dem August 1781 in Peitz weiter gehen kann. Seine Auslagen erhält BEREIN in den Folgejahren allmählich zurück. Der letzte Wechsel wird jedoch erst im Jahr 1792 eingelöst. /1/ S. 73-76

1786 arbeiten 30 Peitzer Familien in der Tuchhandwerk. /19/ S. 72

Die 10 Peitzer Tuchmacher, die noch in den ehemaligen Soldatenbuden wohnen und der Bürgermeister BEREIN machen am 28.02.1787 eine Eingabe bezüglich der schlechten Wohnverhältnisse. Die Fußböden sind teilweise kaputt, die Öfen drohen einzufallen und die Dächer sind undicht. Die 10 Tuchmacher bieten an, die Reparaturen auf eigene Kosten vornehmen zu lassen, wenn sie die Häuser in Erbpacht erhielten. Dem wird im Herbst stattgegeben. Der Erbkanon beträgt vierteljährlich 18 Groschen. /1/ S. 77-78

1788 gab es in Peitz 50 Tuchmacher. Die Jahresproduktion lag bei 1.700...1.800 Stück. Weiterhin gab es 4 Tuchscherer in der Stadt. /1/ S. 76 Der Aufschwung der Tuchmacher in den letzten Jahren prägte die Stadt. 1796 zählte Peitz (ohne Hüttenwerk und Ottendorf) 1380 Einwohner.

1797 gab es in Peitz 52 Tuchmacher, die bis zum Herbst 1.741 Stück Tuch mit einem Verkaufswert von 42.799 Talern hergestellt und umgesetzt hatten. /1/ S. 78 und /19/ S. 72 Darunter waren auch zwei Tuchmacher aus Cottbus, die eine Appretur mit einem Rosswerk betrieben. So brauchten die Peitzer Tuchmacher nicht mehr zu den Tuchbereitern nach Cottbus. /5/

1800

1802 waren 21 Tuchmachermeister bereits Hauseigentümer die ersten besaßen sogar ein Großhaus. Während des Krieges vergrößert sich der Abstand zwischen den begüterten und den um ihre Zukunft bangenden Tuchmachern, denn Wolle war so schwierig zu bekommen, dass der Bürgermeister BEREIN sich veranlasst sah, der sächsischen Verwaltungskommission flehendlich die arge Situation in Peitz zu schildern, da mit dem Niedergang der Tuchmacher der Ort "nahrlos" wird. Aus dem Wolllager im Turm war ein Verpflegungslager für die durchziehende Truppe geworden. 6 Tuchmacherfamilien verarmten total. /1/

Als 1813 der Cottbuser Kreis eine Reiterschwadron und ein Landwehrbataillon aufstellt, ergab sich für die Tuchmacher reichlich Arbeit. Sie war so wichtig, dass bei der Aushebung im Juli 8 Peitzer Tuchmacher freigestellt wurden. In zwei Monaten hatten allein die Peitzer für 1168 Taler Tuch hergestellt und da umgehend bezahlt wurde, war wieder etwas Geld in der Stadt. /1/

Mit dem Kriegsende blieb die große Nachfrage erhalten. Zudem kam man mit der wiedererlangten preußischen Verwaltung auch in den Vorzug der Stein-Hardenberg’schen Reformen. Der Zunftzwang war mit dem Preußischen Gesetz über die Gewerbefreiheit vom 07.09.1811 aufgehoben. Auch das Gutsherrenrecht war reformiert, die Leibeigenschaft und die Erbuntertänigkeit waren abgeschafft. Die Preußische Steuerreform von 1819 hob die Schutzzölle und Importverbote auf. Auch in Peitz wurden viele Manufakturen der Tuchmacher neu gegründet und vorhandene erweitert.

Am 09.10.1826 wird in Peitz eine Walkerkorporation innerhalb des Tuchmachergewerks gegründet. Eine Art Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung. Die von 78 Meistern aufgestellte Satzung wird am 02.11.1826 durch die Frankfurter Regierung bestätigt. Die bisherige Peitzer Walke am Hammergraben, südlich des Eisenhüttenwerkes wird aufgekauft und modernisiert. Der erste Walkmüller ist Meister STUMPFF, der 1.000 Taler zur Modernisierung vorgeschossen hatte. Vom Domänenfiskus wird weiterhin ein 19 Quadratruten großes Grundstück an der Malxe erworben. Darauf wird ein Färbehaus gebaut. /1/ S. 82-83

Obwohl William COCKERILL 1816 in Guben die erste Wollspinnmaschine erfolgreich aufgebaut hatte, setzten die Peitzer Tuchmacher der Mechanisierung vereinten Widerstand entgegen. Der Mechaniker BERGER aus Forst bekam es als erster zu spüren. Er legt im Sommer 1827 der Frankfurter Regierung einen Plan für eine mechanische Spinnerei vor. Die Behörden stimmen diesem Plan zu. Die mechanische Spinnerei soll "unterhalb Peitz an dem sogenannten Walk- oder Oehlmühlgraben, da wo derselbe in die Malxe mündet" entstehen. Nach Bekanntmachung des Vorhabens durch den Landrat im Amtsblatt der Regierung, der Vossischen Zeitung und im Cottbuser Wochenblatt, gibt es viele Proteste. Diese Proteste kommen vom Oberbergamt Berlin, dem Peitzer Hüttenamt, dem Oberamtmann ROEMELT, den Peitzer Wollspinnern und den Ottendorfer Kolonisten. Man befürchtet u.a. Schäden am Hammerwerk und Überschwemmungen. Daraufhin wird der geplante Standort verlegt. Neuer Standort ist die Abzweigung des Grabens vom Hammerstrom. Die mechanische Spinnerei wird gebaut und ging wahrscheinlich im Frühjahr 1828 in Betrieb. /1/ S. 88-89 Momentan ist dies der erste bekannte industrielle Tuchmacherstandort in Peitz, dem noch weitere folgten.

Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz 1828, Quelle: diese Webseite
Das Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz von 1828 ist heute noch erhalten und befindet sich in Privatbesitz. Es zeigt 2 gekreuzte Tuchscheren und 2 Kardierbürsten, die sich darüber und darunter befinden. Seitlich sind 2 Löwen und oben eine Krone angebracht. Ein Symbol für das königliche Brandenburg.

Am 06.02.1830 besteht das Tuchmachergewerk Peitz aus 82 Meistern. /1/ S. 87

Bei den Stadtverordnetenwahlen vom 18.-19.12.1831 wurden gleich mehrere Tuchmachermeister gewählt. Die Stadtverordneten des 1. Bezirks (Stadt Peitz ohne Vororte) waren /7/ S. 299:

  1. Friedrich ENDE, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  2. Christian KEIL, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  3. Wilhelm STEMPEL, Hausbesitzer u. Apotheker
  4. Friedrich ZIMMERMANN, Hausbesitzer u. Kaufmann
  5. Gottfried WEISE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  6. Karl CLAMANN, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  7. Friedrich BRAUN, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister

Zu Stellvertretern wurden gewählt /7/ S. 299-300:

  1. Karl BARTUSCH, Hausbesitzer u. Schuhmachermeister
  2. Emanuel KOPPE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  3. Gottlob BUCHHOLZ, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  4. Andreas RÜDE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  5. Wilhelm HASSE, Mietsbürger u. Apotheker
  6. Karl GLETTE, Hausbesitzer u. Böttchermeister
  7. Emanuel PLENZ, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister

Dieses Wahlergebnis zeigt, wie bestimmend die Tuchmacher damals in der Stadt Peitz waren. Von den insgesamt 14 gewählten Vertretern im Stadtparlament hatten 9 (64 %) einen Bezug zur Tuchfabrikation. Friedrich ENDE wurde zudem von den Stadtverordneten zum Vorsitzenden gewählt. /7/ S. 300

Weitere Funktionen hatten der Tuchfabrikant EYDIENER als Beigeordneter und der Färbermeister WUßLAUGK als Senator. /7/ S. 301

1834 erleichtert der Deutsche Zollverein den Wettbewerb und immer mehr Betriebe produzieren vom Wollspinnen bis zur Appretur selbst. (Heinz Petzold „Begründer der industriellen Tuchfertigung“ in Lausitzer Rundschau 24.08.2010) Vorerst war in Peitz die weitere Mechanisierung auf das Spinnen beschränkt. So baute um 1835 der Tuchmachermeister Carl Ferdinand! STÖHR (1804-1842) auf einer wüsten Stelle neben der Malzhausbastei ein Wohnhaus mit Wollwerkstatt und stockte dieses 1838 mit einem Websaal auf. /5/ Er hatte keine Wasserkraft zur Verfügung und war der große Gegenspieler zu BERGER. 1837 folgte Traugott GRÜNDER (1795-1891) aus der Mittelstraße 3 mit einer Fabrik auf dem Grundstück Markt 9, dass bis zur Mauerstraße reichte und damals flächenmäßig die größte Fabrikanlage nach dem Hüttenwerk war. 1840 folgte der Senator und Tuchfabrikant Carl LOHR (1815-1877) und baute seine Fabrik in der Mauerstraße 10 neben die des Tuchfabrikanten STÖHR.

Im Amtsblatt der Königlich Preußischen Regierung zu Frankfurt/Oder wird am 27.01.1843 bekannt gemacht, dass die Tuchfabrikanten GRÜNDER, RUNDORF, BOYDE, LEHMANN, BEREIN und STÖLZEL zu Peitz beabsichtigen, bei dem sogenannten Sandberge daselbst an einem neu anzulegenden Graben, der das Wasser unterhalb des Königl. Eisenhüttenwerkes aus dem Hammerstrom aufnehmen und bei Peitz vor der Färberei in den Malxfluss einmünden soll, eine Wollspinnerei anzulegen. Diese Spinnerei ist jedoch wahrscheinlich nie gebaut worden.

1847 baut der Peitzer Baumeister DEUTSCHMANN für den Tuchfabrikanten Julius SCHULZE in der Dammzollstraße 52, damals Cottbuser Vorstadt 1, eine Fabrikanlage. Hier steht im Sommer 1853 die erste Peitzer Dampfmaschine anstatt eines Roßwerkes. Um 1850 folgt der Tuchfabrikant Traugott GRÜNDER und baut im Plantagenweg 3 eine größere Fabrikanlage. Hier steht im Herbst 1853 die zweite Dampfmaschine. Gefeuert wird noch mit Torf. /5/ Etwa in diesen Jahren errichtet Emanuel BUCHHOLZ, ehemals Wilhelm-Külz-Str. 9, eine größere Fabrik an der neuen Straße nach Cottbus. 1859 zieht der bis dahin am Lutherplatz 6 produzierende Tuchfabrikant Carl BOYDE mit einem größeren Fabrikbau mit Kesselhaus an der Malxe in der heutigen Schulstraße 8 nach. Mit BERGER, GRÜNDER, SCHULZE, BOYDE und STÖHR hat sich eine Gruppe vermögender Peitzer Tuchmacher gebildet.

Ab dem 01.03.1858 wurde das Eisenhüttenwerk Peitz für 20 Jahre verpachtet. Pächter waren Georg BERGER zu Georgenhof und seine beiden Söhne Moritz BERGER, Tuchfabrikant und Heinrich Georg BERGER, Besitzer der Maustmühle. Die Pachtsumme betrug 3021 Taler/Jahr. Die mitbietenden 9 Tuchmachermeister:

  1. Carl LOHR
  2. Gottlob LEHMANN
  3. Carl BOYDE
  4. Fr. RÜGER
  5. E. BUCHHOLZ
  6. Carl GRAF
  7. Gottlob BRAMKE
  8. Christian STÖLZEL und
  9. Julius GLETTE

gingen leer aus. Sie behielten aber wahrscheinlich die Pacht der Tuchwalke an der Cottbuser Straße (alte Dammzollstraße). Die Gießerei und die Stabeisenproduktion wurden durch BERGER & Söhne in geringerem Umfang fortgeführt. Einige Hütten-Gebäude wurden umgebaut und für die Tuchproduktion genutzt. /8/ S. 117-118

Im Jahr 1861 wurde der Hochofenbetrieb im Eisenhüttenwerk Peitz durch BERGER & Söhne endgültig eingestellt. Hammer und Schachtofen liefen bisher als Nebebetrieb. Die Tuchfabrik stellte spätestens ab 1861 den Hauptbetrieb dar. Das Schmiedewerk (Hammer) und der Kupolofen zum Umschmelzen von Roheisen liefen noch einige Jahre weiter. /8/ S. 120

In der Folge erweiterte LOHR seinen Standort in der Mauerstraße 10, Gottlob LEHMANN mit seinen Söhnen Emanuel und Emil das Grundstück Markt 19 am Paradeplatz, Friedrich RÜGER verließ seinen Standort in der Lutherstraße 6 bei Theodor BERGER und baute gegenüber von BUCHOLZ in der Cottbuser Straße. 1862 hatte er alle seine Fabrikfenster hell erleuchtet, als vor Mitternacht der König von Cottbus nach Guben kommend Peitz passierte und hier an der Post die Pferde wechselte.

1866 werden in Peitz bereits 16.000 Stück Tuch hergestellt. Aneinandergereiht entspräche das einer Strecke bis Jena. In den sogenannten Gründerjahren 1871-1873 geht der Aufstieg der Peitzer Textilindustrie weiter. Die Stadt zählt 1875 insgesamt 4.109 Einwohner. Die Großfamilien SCHULZE und BUCHHOLZ erweitern ihre Produktion in der Cottbuser Straße und der Dammzollstraße, Carl BOYDE errichtet eine neue moderne Fabrik in der Schulstraße 6. BERGER & Söhne nutzen still gelegte Gebäude des Hüttenwerkes und Traugott GRÜNDER findet in seinen Schwiegersöhnen Carl STÖHR und Otto KRÜGER fähige Teilhaber, die mit seinem Sohn Herrmann die Fabrik als "Herrmann Gründer & Co." weiter ausbauen. Der 1871 erfolgte Anschluss an das Bahnnetz verbesserte den Warenverkehr über den Bahnhof Peitz-Ost und ab 1876 über den Stadtbahnhof.

Der Bahnhof Peitz-Stadt im Jahr 2018, Quelle: diese Webseite
Der Bahnhof Peitz-Stadt im Jahr 2018. Das Gebäude steht derzeit leer.

Die Depression nach der durch französische Reparationszahlungen überhitzten Konjunktur zwang die Fabriken von SCHULZ und BERGER in die Insolvenz. Sie wurden Bestandteil von "Herrmann Gründer & Co", der nun der größte Peitzer Textilproduzent geworden war. Neben BUCHHOLZ und BOYDE stehen noch die weniger bedeuteten Produzenten JAHN, LEHMANN, PROTZE und SCHEIBICKE.

1885 gibt es in Peitz 11 Tuchfabrikanten, die in 8 Fabriken insgesamt 820 Arbeiter beschäftigen. Die Jahresproduktion beträgt 20.000 Stück Tuch im Wert von 3 Millionen Mark. Es zeigen sich erste Absatzschwierigkeiten. In den Folgejahren geht die Produktion zurück, bis nur noch 3 Betriebe übrigbleiben. /1/ S. 100-101

1889 wird der Betrieb der Walkmühle des Peitzer Tuchmachergewerkes am Hammergraben südlich des Eisenhüttenwerkes eingestellt. Die Dampfmaschine und der Kessel werden für 1.700 M an den aus Ückermünde zugezogenen Mühlenbesitzer DAEHN verkauft. /1/ S. 84

Am 01.03.1892 empfiehlt eine außerordentliche Generalversammlung des Tuchmachergewerks im Rathaus Peitz die Liquidierung der Innung wegen Überschuldung. An der Generalversammlung nehmen teil:

1895 wird das Grundstück der Walkmühle des Peitzer Tuchmachergewerkes am Hammergraben südlich des Eisenhüttenwerkes für 6.000 M an den Domänenfiskus verkauft. Es wird wieder mit dem Hüttenwerk vereinigt. /1/ S. 84

Am 04.05.1896 findet im Schützenhaus Peitz die letzte Innungsversammlung der Tuchmacher statt. Das Tuchmachergewerk Peitz wird einstimmig aufgelöst. Es gibt kein Vermögen mehr und alle Verbindlichkeiten wurden beglichen. Die Gründung Friedrichs des Großen endet damit nach 125 Jahren, nachdem sie schon seit einiger Zeit ein Scheindasein geführt hatte. /1/ S. 99-100

Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz 1828, Quelle: diese Webseite
Das Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz von 1828.

1900

Die Hochstimmung über den Eintritt in ein neues Jahrhundert endet in Peitz rasch. Bis 02/1900 produziert die Textilfabrik BUCHHOLZ in der Cottbuser Straße. Sie geht in Konkurs und steht danach längere Zeit leer, bis 1936 der Chemie- und Vulkanisierbetrieb RASPE das Gelände übernimmt und vor allem gummierte Flugzeugtanks herstellt. Am 17.04.1900 brennt die Tuchfabrik in der Dammzollstraße 52 nieder. Allein das große straßenseitige Gebäude blieb schwer beschädigt stehen. Julius GRÜNDER ließ es später ausbessern und verkaufte es 1911 für 24000 Mark an den Filz- und Lederschuhproduzenten CHRIST. 1933 zog in einen Gebäudeteil der Tuchversand DUCH ein und erinnerte noch ein wenig an diesen Textilstandort, auf dem 1853 die erste Dampfmaschine aufgestellt worden war. 1906 mussten auch die GRÜNDER's nach dem Verlust der Fabrik in der Dammzollstraße und Schwierigkeiten beim Absatz von Kammgarnprodukten Konkurs anmelden. 1910 gab es mit der Firma REHN in der Schulstraße 8 nur noch eine große Tuchmacherfabrik in Peitz. Drei Jahre später erfolgt ein kräftiger Aufschwung. Georg MARX übernimmt die GRÜNDER’sche Fabrik in der Plantage und die Gebrüder FRANKE die GRÜNDER’sche Fabrik in Ottendorf.

Die industrieelle Tuchfertigung existiert in Peitz an 3 Standorten noch bis um 1990. Dazu gehören die Firma REHN in der Schulstraße 6-8, die Firma MARX im Plantagenweg 3 und die Lausitzer Wollwerke in Ottendorf. Im Plantagenweg 3 produziert die Spinnerei von GRÜNDER, später MARX noch bis 1955. Danach werden Teppiche bis 1991 hergestellt. Im Jahr 1990 stellt die ehemalige Firma BOYDE/REHN in der Schulstraße 6-8 als letzte Weberei die Produktion ein. Die Lausitzer Wollwerke existieren noch bis 1991 und stellen vor allem Reißwolle her. Dieser Standort ist gewissermaßen der letzte, der heute noch industriell genutzt wird. Hier befindet sich ein Industriepark. Eine Reißwollproduktion gibt es aber nicht mehr.

Details zu den einzelnen Tuchmacherstandorten und ihrer Weiternutzung beim Übergang zur industriellen Fertigung sind in deren Beschreibung zu finden.