Weberschiffchen

Geschichtliches

Zur Geschichte ab 1800 und ab 1900.

1700

Das Weben gehört, nach der Holz- und Steinbearbeitung, zu den ältesten Handwerken der Menschheit und gilt bereits seit 32.000 Jahren als nachgewiesen, erheblich länger als die Töpferei. In den Grabkammern des ägyptischen Altertums sind Gewebereste von Gewändern nachgewiesen worden. Die Herstellung von Wolle und Flachs für den Eigenbedarf war bereits seit dem Mittelalter in vielen Regionen selbstverständlicher Bestandteil des ländlichen Lebens und auch in Peitz gab es sicherlich seit den Anfängen einige Weber.

Seit im 13. Jahrhundert Weber aus Flandern das Spinnrad mit nach Cottbus brachten, sind in der Niederlausitz immer wieder Flächen zugunsten des Flachsanbaus und der Schafweide gerodet worden. Das Tuchmachergewerbe war zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden und Tuche wurden, nach einer Unterbrechung in Folge des 30-jährigen Krieges, bis nach Böhmen und Skandinavien gehandelt.

Ehe Friedrich der Große 1763 die Peitzer Oberfestung für einen Tuchmacherstandort zur Pacht anbietet, bestand rund um Peitz in Cottbus, Frankfurt/Oder und Beeskow eine Jahrhunderte alte Tradition des Tuchmachergewerbes. Auch in den umliegenden sächsischen Orten Forst, Spremberg, Vetschau und Guben wurden Tuche produziert. Außer einem Angebot für eine Cattunmanufaktur mit einem ungenügenden Geschäftsmodell interessierte sich keiner aus der Zunft der Tuchmacher für das Peitzer Projekt. So berichtet die Neumärkische Kammer in Küstrin am 25.05.1765 an das Generaldirektorium im Berlin:

Die Ansiedlung von Tuchmachern in Peitz hat ungenügende Konditionen. /1/ S. 43-44

Dieser erste Versuch schlug fehl.

Erst 1767 gelang es dem Kriegsrat KRUSEMARK zwei Tuchmacher (HANISCH aus Forst und GRIMM aus Spremberg) nach Peitz zu holen. Beide Familiennamen stehen auch heute noch im Peitzer Adressbuch. Beide siedelten sich auf einer der 32 wüsten Stellen an, die die Feuersbrunst von 1758 hinterlassen hatte. /19/ Im Jahr 1768 wollen unter der Führung des Tuchmachermeister SCHREBLER weitere 20 Tuchmacher aus den Brühl’schen Fabriken in Forst und Pförten nach Peitz. Der König will sie aber in Wriezen ansiedeln, das ist nördlich von Berlin, weil dort fertige Häuser seien. Vielleicht war ihm aber auch Peitz mit seinen ungenügenden Konditionen nach seinem vor fünf Jahren missglückten Versuch nicht mehr der rechte Ort. Nun setzt sich der Peitzer Bürgermeister KIRCHHOFF vehement für die Ansiedlung dieser 21 Tuchmacher aus den BRÜHL’schen Fabriken und weiteren 4 Tuchmachern und einem Garnweber aus Sommerfeld ein und erreicht letztlich nach fast einem ¾ Jahr ihren Zuzug nach Peitz.

Die Ansiedlung dieser 25 Familien mit 96 Personen kostete die Summe von 3043 Talern und 9 Groschen. Dies war der Grundstein für Peitz als Tuchmacherstandort. 1769 kamen noch 3 Garnweber und 6 Tuchmacher dazu, darunter der Tuchbereiter BEREIN und der Tuchmachermeister Samuel Gottlob GRÜNDER mit seinem Sohn Gottlob Traugott GRÜNDER. Die meisten bezogen die Soldatenbuden zwischen dem Lieberoser Tor und der Oberfestung. /19/ BEREIN und GRÜNDER erwarben ein Haus in der Unterfestung.

Festungsweg, Quelle: diese Webseite
Festungsweg Peitz (hervorgehoben) an dem sich die Tuchmacher zuerst ansiedelten. Am nördlichen Ende des Festungsweges befand sich das Lieberoser Tor und am südlichen die Zitadelle mit dem Festungsturm (Wollmagazin).

Im Königreich Preußen fanden zu dieser Zeit mehrere derartiger Ansiedlungen statt. Ähnliches gab es zum Beispiel in Kloster Zinna bei Jüterbog. Bereits Friedrich Wilhelm I. förderte solche Ansiedlungen wie z.B im nahegelegen Cottbus. Peitz war da aber noch eine Festungsstadt und in seiner wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt.

In seinem Edikt vom 30.08.1770 verbesserte Friedrich der Große die Zusagen für einen Zuzug von Tuchmachern aus dem Sächsischen, die letztlich zum Peitzer Standort der Tuchmanufakturen führten. Der Zuzug wurde begünstigt durch folgende Zusagen:

Auch dieser Start stand unter keinem günstigen Stern. 1771 drang das Julihochwasser der Neiße in die Malxeniederung. In der Folge gab es kein Heu und kaum Wolle und Getreide. Die Preise schnellten in die Höhe. Weihnachten kostete ein Viertel Getreide 1 Taler 18 Groschen. Man hungerte. Brot wurde auch aus Spreu und Knöterich gebacken, mit fatalen Folgen. /1/ So waren die finanziellen Reserven der Tuchmacher rasch aufgebraucht. Zudem waren viele Quartiere für die kinderreichen Familien mit ihren Webstühlen zu klein und in keinem guten Zustand. In dieser Not hatte die alteingesessene Bevölkerung kein gutes Verhältnis zu den "Ausländern". Die Tuchmacherfamilien verarmten und einige wie GRUPE, FRANKE und EHRLICH flüchteten zurück nach Sachsen in die Städte Forst, Guben und Spremberg. /1/ S. 45-46

Zudem war die versprochene Walke nicht gebaut worden und die Peitzer Tuchmacher mussten alle mit ihrer halbfertigen Ware nach Cottbus zur Walke und Appretur. Außerdem gelang den Peitzer Tuchmachern ohne die Dienste eines Verlegers nicht ausreichend in eigener Verantwortung, Wolle zu kaufen und Tuche zu verkaufen. So griff 1773 die Obrigkeit ein, brachte den Cottbuser Kommerzienrat Christian Ludwig LIERSCH als Verleger für acht Jahre in Vertrag, ließ im großen Gewölbe der Oberfestung ein Wolllager einrichten und der Maurermeister RICHTER baute auf Staatskosten die Alte Wache an der Malxe in ein Färberhaus um. /1/ S. 49-50. Den größten Fortschritt brachte 1776 der Mühlenmeister HOEHLE, der am Hammerstrom unweit des Hüttenwerkes eine Öl-und Walkmühle baute. /1/ S. 56. Von diesem Mühlenstandort zeugen heute noch die beiden Walketeiche am Hammergraben südlich des Hüttenwerkes.

1776 übernimmt Johann Gottlieb BEREIN, selbst aus einer Tuchmacherfamilie stammend, das Amt des Bürgermeisters. Er pflegt ein noch besseres Verhältnis zu den Tuchmachern als sein Vorgänger KIRCHHOFF /1/ und erreicht, dass endlich die lange ausstehenden Gelder zur Ansiedlung der Spinnmeister gezahlt werden und betreibt die Ansiedlung von Tuchmachern auf wüsten Stellen in der Unterfestung.

Insbesondere gefördert durch den Bürgermeister BEREIN und den Tuchmachermeister Gottlob GRÜNDER schließen sich Anfang 1777 die Peitzer Tuchmacher ohne die Tuchscherer zu einem eigenen Gewerk nach den Regeln des Generalprivilegium und Gülde Brief der Tuchmachergewerke in der Chur und Mark Brandenburg vom 8. November 1734 zusammen. Die Abhängigkeit zu Kommerzienrat LIERSCH verringerte sich und die Peitzer Tuchmacher konnten ihr gutes Tuch endlich unter eigenem Namen verkaufen.

Später schlossen sich unter Aufsicht des 1. Senators die Gruppe der Leineweber zusammen, während die Tuchscherer in der Cottbuser Zunft blieben, aber gegen eine Gebühr (1815) auch in Peitz zwei Schaurahmen ausstellen durften.

Am 23.08.1780 kündigt der Kommerzienrat LIERSCH seinen Vertrag bezüglich der Peitzer Tuchmacher zu Ende August 1781. Kündigungsgrund ist der eigenmächtige Einkauf von Wolle durch die Innungsmeister Ernst WEINERT (Oberältester) und Gottlob GRÜNDER (Nebenältester). Die Kammer nimmt die Kündigung an, was LIERSCH nicht erwartet hatte. Der Einkaufspreis der nötigen Wolle für ein Stück Tuch lag bei 9 Reichstalern, 21 Groschen und 3,9706 Pfennigen. Der durchschnittliche Verkaufspreis lag bei 18-19 Reichstalern. Der Gewinn lag damit bei einträglichen 80-90 %. Peitz produzierte von 1774-1780 1.864 Stück Tuch. Davon allein in den Jahren 1779-1780 910 Stück. Für Peitz war das Tuchmacherhandwerk damit ein wichtiger und einträglicher Wirtschaftsfaktor. /1/ S. 58-60

Am 31.05.1781 findet im Rathaus Peitz eine große Beratung zum Tuchmachergewerk statt. Von den ehemals angesiedelten Tuchmachern sind nur noch 15 am Ort. 4 sind heimlich geflüchtet, einer (SPAHN) ist Soldat geworden und 3 (Vater SCHREBLER, FEHR, GREBERT) sind gestorben. Es gibt aber auch neu hinzugezogene Tuchmacher bzw. Kinder der Tuchmacher, die sich selbständig gemacht haben. Folgende Familien betrieben noch das Tuchmacherhandwerk:

  1. Johann Gottfried SCHREBLER
  2. Gottlob REMPEL
  3. Johann Gottlob BUCHHOLZ
  4. Johann Gottlob GRÜNDER
  5. Ephraim HANISCH
  6. Ernst WEINERT
  7. Gottfried STANGE
  8. Gottlob HOFFMANN
  9. Johann Gottfried LAUBISCH
  10. Emanuel REMPEL
  11. Christoph HERRENDORF
  12. August POHLE
  13. Witwe GRIMM
  14. Christian SCHWANHÄUSER
  15. Christian SCHÜLER
  16. Christian Gottlob STANGE
  17. Johann Adam HECKSTEIN
  18. Christian Heinrich RÜDE
  19. Daniel Gottfried RÜFFER
  20. Johann Friedrich KOEHLER
  21. Johann Gotthilf STANGE
  22. Johann August HOFFMANN
  23. Michael BRAUN
  24. Johann Gotthilf MEYER

Die Quelle enthält auch detaillierte Angaben zum Besitz und zur Produktionsmenge der Tuchmacherfamilien. /1/ S. 63-70

08/1781: Kurz vor dem Auslaufen des Vertrages mit LIERSCH als Wollverleger der Peitzer Tuchmacher organisiert der Peitzer Bürgermeister BEREIN auf eigene Kosten das Wollmagazin im Festungsturm. Dies war notwendig, da der Kriegsrat KRUSEMARK seit der großen Beratung am 31.05.1781 nichts unternommen hatte. BEREIN borgt sich Geld und kauft Wolle ein, damit die Tuchproduktion nach dem August 1781 in Peitz weiter gehen kann. Seine Auslagen erhält BEREIN in den Folgejahren allmählich zurück. Der letzte Wechsel wird jedoch erst im Jahr 1792 eingelöst. /1/ S. 73-76

1786 arbeiten 30 Peitzer Familien in der Tuchhandwerk. /19/ S. 72

Die 10 Peitzer Tuchmacher, die noch in den ehemaligen Soldatenbuden wohnen und der Bürgermeister BEREIN machen am 28.02.1787 eine Eingabe bezüglich der schlechten Wohnverhältnisse. Die Fußböden sind teilweise kaputt, die Öfen drohen einzufallen und die Dächer sind undicht. Die 10 Tuchmacher bieten an, die Reparaturen auf eigene Kosten vornehmen zu lassen, wenn sie die Häuser in Erbpacht erhielten. Dem wird im Herbst stattgegeben. Der Erbkanon beträgt vierteljährlich 18 Groschen. /1/ S. 77-78

1788 gab es in Peitz 50 Tuchmacher. Die Jahresproduktion lag bei 1.700...1.800 Stück. Weiterhin gab es 4 Tuchscherer in der Stadt. /1/ S. 76 Der Aufschwung der Tuchmacher in den letzten Jahren prägte die Stadt. 1796 zählte Peitz (ohne Hüttenwerk und Ottendorf) 1380 Einwohner.

Die Hungerwinter nach dem Vulkanausbruch des Laki auf Island waren vielleicht auch ein Grund, dass es weitere Cottbuser Tuchchmacher auf das Land zogen. So kam 1796 mit Friedrich STÖHR, dessen Familie die Oberältesten in Forst und Cottbus stellte, ein weiterer Tuchscherer nach Peitz, der in der heutigen Lutherstraße 3 eine Appretur mit einem Roßwerk betrieb. /5/ Im Jahr 1797 gab es in Peitz 52 Tuchmacher, die bis zum Herbst 1.741 Stück Tuch mit einem Verkaufswert von 42.799 Talern hergestellt und umgesetzt hatten. /1/ S. 78 und /19/ S. 72

1800

1802 waren 21 Tuchmachermeister bereits Hauseigentümer, die ersten besaßen sogar ein Großhaus. Während des Krieges vergrößert sich der Abstand zwischen den begüterten und den um ihre Zukunft bangenden Tuchmachern, denn Wolle war so schwierig zu bekommen, dass der Bürgermeister BEREIN sich veranlasst sah, der sächsischen Verwaltungskommission flehendlich die arge Situation in Peitz zu schildern, da mit dem Niedergang der Tuchmacher der Ort "nahrlos" wird. Aus dem Wolllager im Turm war ein Verpflegungslager für die durchziehende Truppe geworden. 6 Tuchmacherfamilien verarmten total. /1/

Als 1813 der Cottbuser Kreis eine Reiterschwadron und ein Landwehrbataillon aufstellt, ergab sich für die Tuchmacher reichlich Arbeit. Sie war so wichtig, dass bei der Aushebung im Juli 8 Peitzer Tuchmacher freigestellt wurden. In zwei Monaten hatten allein die Peitzer für 1168 Taler Tuch hergestellt und da umgehend bezahlt wurde, war wieder etwas Geld in der Stadt. /1/

Mit dem Kriegsende blieb die große Nachfrage erhalten. Zudem kam man mit der wiedererlangten preußischen Verwaltung auch in den Vorzug der Stein-Hardenberg’schen Reformen. Der Zunftzwang war mit dem Preußischen Gesetz über die Gewerbefreiheit vom 07.09.1811 aufgehoben. Auch das Gutsherrenrecht war reformiert, die Leibeigenschaft und die Erbuntertänigkeit waren abgeschafft. Die Preußische Steuerreform von 1819 hob die Schutzzölle und Importverbote auf. Auch in Peitz wurden viele Manufakturen der Tuchmacher neu gegründet und vorhandene erweitert.

Bereits 1816 gab es in Peitz 3 Maschinenspinner mit einem eigenen Gewerbe. Dies waren HANKE in der heutigen Lutherstraße 1, HESSE in der Lutherstraße 4 und ALBRECHT in der Lutherstraße 5. 1818 kamen noch vier Maschinenspinner aus Guben dazu.

Am 09.10.1826 wird in Peitz eine Walkerkorporation innerhalb des Tuchmachergewerks gegründet. Eine Art Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung. Die von 78 Meistern aufgestellte Satzung wird am 02.11.1826 durch die Frankfurter Regierung bestätigt. Die bisherige Peitzer Walke am Hammergraben, südlich des Eisenhüttenwerkes wird aufgekauft und modernisiert. Der erste Walkmüller ist Meister STUMPFF, der 1.000 Taler zur Modernisierung vorgeschossen hatte. Vom Domänenfiskus wird weiterhin ein 19 Quadratruten großes Grundstück an der Malxe erworben. Darauf wird ein Färbehaus gebaut. /1/ S. 82-83

Obwohl William COCKERILL 1816 in Guben die erste Wollspinnmaschine erfolgreich aufgebaut hatte, setzten die Peitzer Tuchscherer der Mechanisierung vereinten Widerstand entgegen. Der Mechaniker BERGER aus Forst bekam es als erster zu spüren. Er legt im Sommer 1827 der Frankfurter Regierung einen Plan für eine mechanische Spinnerei vor. Die Behörden stimmen diesem Plan zu. Die mechanische Spinnerei soll unterhalb Peitz an dem sogenannten Walk- oder Oehlmühlgraben, da wo derselbe in die Malxe mündet entstehen. Nach Bekanntmachung des Vorhabens durch den Landrat im Amtsblatt der Regierung, der Vossischen Zeitung und im Cottbuser Wochenblatt, gibt es viele Proteste. Diese Proteste kommen vom Oberbergamt Berlin, dem Peitzer Hüttenamt, dem Oberamtmann ROEMELT, den Peitzer Wollspinnern und den Ottendorfer Kolonisten. Man befürchtet u.a. Schäden am Hammerwerk und Überschwemmungen. Daraufhin wird der geplante Standort verlegt. Neuer Standort ist die Abzweigung des Grabens vom Hammerstrom. Die mechanische Spinnerei wird gebaut und ging wahrscheinlich im Frühjahr 1828 als erster industrieller Tuchmacherstandort in Betrieb. /1/ S. 88-89

Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz 1828, Quelle: diese Webseite
Das Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz von 1828 ist heute noch erhalten und befindet sich in Privatbesitz. Es zeigt 2 gekreuzte Tuchscheren und 2 Kardierbürsten, die sich darüber und darunter befinden. Seitlich sind 2 Löwen und oben eine Krone angebracht. Ein Symbol für das königliche Brandenburg.

Am 06.02.1830 besteht das Tuchmachergewerk Peitz aus 82 Meistern. /1/ S. 87

Bei den Stadtverordnetenwahlen vom 18.-19.12.1831 wurden gleich mehrere Tuchmachermeister gewählt. Die Stadtverordneten des 1. Bezirks (Stadt Peitz ohne Vororte) waren /7/ S. 299:

  1. Friedrich ENDE, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  2. Christian KEIL, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  3. Wilhelm STEMPEL, Hausbesitzer u. Apotheker
  4. Friedrich ZIMMERMANN, Hausbesitzer u. Kaufmann
  5. Gottfried WEISE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  6. Karl CLAMANN, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  7. Friedrich BRAUN, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister

Zu Stellvertretern wurden gewählt /7/ S. 299-300:

  1. Karl BARTUSCH, Hausbesitzer u. Schuhmachermeister
  2. Emanuel KOPPE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  3. Gottlob BUCHHOLZ, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister
  4. Andreas RÜDE, Mietsbürger u. Tuchmachermeister
  5. Wilhelm HASSE, Mietsbürger u. Apotheker
  6. Karl GLETTE, Hausbesitzer u. Böttchermeister
  7. Emanuel PLENZ, Hausbesitzer u. Tuchmachermeister

Dieses Wahlergebnis zeigt, wie bestimmend die Tuchmacher damals in der Stadt Peitz waren. Von den insgesamt 14 gewählten Vertretern im Stadtparlament hatten 9 (64 %) einen Bezug zur Tuchfabrikation. Friedrich ENDE wurde zudem von den Stadtverordneten zum Vorsitzenden gewählt. /7/ S. 300

Weitere Funktionen hatten der Tuchfabrikant EYDIENER als Beigeordneter und der Färbermeister WUßLAUGK als Senator. /7/ S. 301

1834 erleichtert der Deutsche Zollverein den Wettbewerb und immer mehr Betriebe produzieren vom Wollspinnen bis zur Appretur selbst. /21/ Vorerst war in Peitz die weitere Mechanisierung auf das Spinnen beschränkt. So baute um 1835 der Tuchmachermeister Carl Ferdinand! STÖHR (1804-1842) auf einer wüsten Stelle neben der Malzhausbastei ein Wohnhaus mit Wollwerkstatt und stockte dieses 1838 mit einem Websaal auf. /5/ Er hatte keine Wasserkraft zur Verfügung und war der große Gegenspieler zu BERGER. 1837 folgte Traugott GRÜNDER (1795-1891) aus der Mittelstraße 3 mit einer Fabrik auf dem Grundstück Markt 9, dass bis zur Mauerstraße reichte und damals flächenmäßig die größte Fabrikanlage nach dem Hüttenwerk war. 1840 folgte der Senator und Tuchfabrikant Carl LOHR (1815-1877) und baute seine Fabrik in der Mauerstraße 10 neben die des Tuchfabrikanten STÖHR.

Im Amtsblatt der Königlich Preußischen Regierung zu Frankfurt/Oder wird am 27.01.1843 bekannt gemacht, dass die Tuchfabrikanten GRÜNDER, RUNDORF, BOYDE, LEHMANN, BEREIN und STÖLZEL zu Peitz beabsichtigen, bei dem sogenannten Sandberge (heute Friedhof Triftstraße) daselbst an einem neu anzulegenden Graben, der das Wasser unterhalb des Königl. Eisenhüttenwerkes aus dem Hammerstrom aufnehmen und bei Peitz vor der Färberei in den Malxfluss einmünden soll, eine Wollspinnerei anzulegen. Diese Spinnerei ist jedoch nie gebaut worden.

1847 baut der Peitzer Baumeister DEUTSCHMANN für den Tuchfabrikanten Julius SCHULZE in der Dammzollstraße 52, damals Cottbuser Vorstadt 1, eine Fabrikanlage. Hier steht im Sommer 1853 die erste Peitzer Dampfmaschine anstatt eines Roßwerkes. Um 1850 folgt der Tuchfabrikant Traugott GRÜNDER und baut im Plantagenweg 3 eine größere Fabrikanlage. Hier steht im Herbst 1853 die zweite Dampfmaschine. Gefeuert wird noch mit Torf. /5/ Die dritte Dampfmaschine steht 1856 in der Tuchfabrik von Carl SCHULZ in der Cottbuser Straße 14. Auch BERGER nutzt in seiner Fabrik in Ottendorf die Dampfkraft. 1859 zieht der bis dahin am Lutherplatz 6 produzierende Tuchfabrikant Carl BOYDE mit einem größeren Fabrikbau mit Kesselhaus an der Malxe in der heutigen Schulstraße 8 nach. Mit BERGER, GRÜNDER, den Brüdern SCHULZ, BOYDE und STÖHR hat sich eine Gruppe vermögender Peitzer Tuchmacher gebildet.

Ab dem 01.03.1858 wurde das Eisenhüttenwerk Peitz für 20 Jahre verpachtet. Pächter waren Georg BERGER zu Georgenhof und seine beiden Söhne Moritz BERGER, Tuchfabrikant und Heinrich Georg BERGER, Besitzer der Maustmühle. Die Pachtsumme betrug 3021 Taler/Jahr. Die mitbietenden 9 Tuchmachermeister:

  1. Carl LOHR
  2. Gottlob LEHMANN
  3. Carl BOYDE
  4. Fr. RÜGER
  5. E. BUCHHOLZ
  6. Carl GRAF
  7. Gottlob BRAMKE
  8. Christian STÖLZEL und
  9. Julius GLETTE

gingen leer aus. Sie behielten aber wahrscheinlich die Pacht der Tuchwalke an der Cottbuser Straße (alte Dammzollstraße). Die Gießerei und die Stabeisenproduktion wurden durch BERGER & Söhne in geringerem Umfang fortgeführt. Einige Hütten-Gebäude wurden umgebaut und für die Tuchproduktion genutzt. /8/ S. 117-118

Im Jahr 1861 wurde der Hochofenbetrieb im Eisenhüttenwerk Peitz durch BERGER & Söhne endgültig eingestellt. Hammer und Schachtofen liefen bisher als Nebenbetrieb. Die Tuchfabrik stellte spätestens ab 1861 den Hauptbetrieb dar. Das Schmiedewerk (Hammer) und der Kupolofen zum Umschmelzen von Roheisen liefen noch einige Jahre weiter. /8/ S. 120

In der Folge erweiterte LOHR seinen Standort in der Mauerstraße 10, Gottlob LEHMANN mit seinen Söhnen Emanuel und Emil das Grundstück Markt 19 am Paradeplatz, Friedrich RÜGER verließ seinen Standort in der Lutherstraße 6 bei Theodor BERGER und baute gegenüber von BUCHOLZ in der Cottbuser Straße 14. 1862 hatte er alle seine Fabrikfenster hell erleuchtet, als vor Mitternacht der König von Cottbus nach Guben kommend Peitz passierte und hier an der Post die Pferde wechselte.

1866 werden in Peitz bereits 16.000 Stück Tuch hergestellt. Aneinandergereiht entspräche das einer Strecke bis Jena. In den sogenannten Gründerjahren 1871-1873 geht der Aufstieg der Peitzer Textilindustrie weiter. Die Stadt zählt 1875 insgesamt 4.109 Einwohner. Die Großfamilien SCHULZE und BUCHHOLZ erweitern ihre Produktion in der Cottbuser Straße und der Dammzollstraße, Carl BOYDE errichtet eine neue moderne Fabrik in der Schulstraße 6. BERGER & Söhne nutzen still gelegte Gebäude des Hüttenwerkes und Traugott GRÜNDER findet in seinen Schwiegersöhnen Carl STÖHR und Otto KRÜGER fähige Teilhaber, die mit seinem Sohn Herrmann die Fabrik als "Herrmann Gründer & Co." weiter ausbauen. Der 1871 erfolgte Anschluss an das Bahnnetz verbesserte den Warenverkehr über den Bahnhof Peitz-Ost und ab 1876 über den Stadtbahnhof.

Der Bahnhof Peitz-Stadt im Jahr 2018, Quelle: diese Webseite
Der Bahnhof Peitz-Stadt im Jahr 2018. Das Gebäude steht derzeit leer.

Die Depression nach der durch französische Reparationszahlungen überhitzten Konjunktur zwang die Fabriken der Brüder Carl und Julius SCHULZ und von BERGER in die Insolvenz. Die Fabrik von Julius SCHULZ in der Dammzollstraße 52 und die von BERGER in Ottendorf wurden Bestandteil von "Herrmann Gründer & Co.", der nun der größte Peitzer Textilproduzent geworden war. Die Fabrik von Carl SCHULZ erwarb Emanuel BUCHHOLZ. Herrmann GRÜNDER modernisierte den Maschinenpark und stellte statt der Tuchmacher aus Peitz wendische Frauen aus den umliegenden Dörfern ein. So gingen weitere Arbeitsplätze für Peitzer Bürger verloren und nach BERGER’s Konkurs hatte Peitz nur noch 3.601 Einwohner.

1877 müssen auch Emil LEHMANN und Carl BRAMKE ihre Tuchfabriken schließen. Emil BUCHHOLZ kauft die Fabrik von Carl SCHULZ in der Cottbuser Straße 14 und steigert die Tuchproduktion in den nächsten zehn Jahren auf 100.000 Stück. Mit GRÜNDER und BOYDE, der zur Erweiterung seiner Fabrik in der Schulstraße sogar das Bett der Malxe ostwärts verlegt, haben sich drei große Peitzer Tuchfabriken gebildet, die der starken Cottbuser Konkurrenz standhalten.

1883 ist der Georgenhof in Ottendorf wieder ein Meilenstein in der industriellen Produktion der Peitzer Textilindustrie. Herrmann GRÜNDER elektrisiert seine Kammgarnspinnerei und erweitert seinen Betrieb am anderen Malxeufer. Es werden 366 Tonnen Wolle verarbeitet. Auf der Messe der Deutschen Wollindustrie in Leipzig erhält H. GRÜNDER einen zweiten Preis. /21/

1885 gibt es in Peitz 11 Tuchfabrikanten, die in 8 Fabriken insgesamt 820 Arbeiter beschäftigen. Die Jahresproduktion beträgt 20.000 Stück Tuch im Wert von 3 Millionen Mark. Es zeigen sich erste Absatzschwierigkeiten. Neben BUCHHOLZ und BOYDE produzieren noch die weniger bedeuteten JAHN, LEHMANN, PROTZE und SCHEIBICKE. In den Folgejahren geht die Produktion zurück, bis nur noch 3 Betriebe übrigbleiben. /1/ S. 100-101

1889 wird der Betrieb der Walkmühle des Peitzer Tuchmachergewerkes am Hammergraben südlich des Eisenhüttenwerkes eingestellt. Die Dampfmaschine und der Kessel werden für 1.700 M an den aus Ückermünde zugezogenen Mühlenbesitzer DAEHN verkauft. /1/ S. 84 Nach einem Großbrand im Ottendorfer Betriebsteil schlug Herrmann GRÜNDER 1889 der Gemeinde vor, eine freiwillige Feuerwehr zu gründen. Er stellt dazu zwei Löschwasserwagen, eine Handdruckspritze und einen Schlauchwagen zur Verfügung und spendiert für die persönliche Ausrüstung noch 200 Mark. Daraufhin wurde im Frühjahr 1890 die Ottendorfer Feuerwehr gegründet.

891 stirbt der große Traugott GRÜNDER hoch betagt im Alter von 96 Jahren. Wie kein anderer spiegelte sein Leben den Aufstieg der Peitzer Tuchindustrie wider. Er hatte 1815 mit einem Webstuhl und 150 Talern Kapital in der Mittelstraße begonnen, 1837 die erste Fabrik in der Gubener Straße gebaut und zehn Jahre später mit dem Aufbau des Hauptwerkes der GRÜNDER'schen Fabriken im Plantagenweg 3 begonnen, sie 1853 auf Dampfkraft umgestellt und eine große Kammgarnspinnerei betrieben. Um 1870 setzte dann sein Sohn Herrmann mit den Schwiegersöhnen Carl STÖHR und Otto KRÜGER den Aufstieg des Familienbetriebes "Herrmann Gründer & Co." zur größten Peitzer Tuchfabrik des 19. Jahrhundert fort. Traugott GRÜNDER wird in einer Gruft auf dem Friedhof in der Dammzollstraße beigesetzt. Im Land Brandenburg sind Mausolen im klassischen Stil selten. Traugott GRÜNDER’s Vermögen soll ohne die vielen Grundstücke etwa 3 Millionen Mark betragen haben.

Die GRÜNDER'sche Gruft in Peitz, Quelle: diese Webseite
Die Gruft der Familie GRÜNDER auf dem Friedhof in der Peitzer Dammzollstraße

Am 01.03.1892 empfiehlt eine außerordentliche Generalversammlung des Tuchmachergewerks im Rathaus Peitz die Liquidierung der Innung wegen Überschuldung. An der Generalversammlung nehmen teil:

1894 verstirbt auch Herrmann GRÜNDER. Sein Sohn Julius und sein Neffe Bruno übernehmen die Firma als Kommanditgesellschaft mit persönlicher Haftung unter dem Namen "Gründer & Co. Tuchfabrik und Kammgarnspinnerei". Das Arbeiterpersonal besteht weiterhin vorrangig aus wendischen Frauen der umliegenden Dörfern, wie das Foto aus dem Jahr 1893 zeigt.

GRÜNDER'sches Arbeiter-Personal im Jahr 1893, Quelle: diese Webseite
Das GRÜNDER'sche Arbeiterpersonal im Jahr 1893

1895 wird das Grundstück der Walkmühle des Peitzer Tuchmachergewerkes am Hammergraben südlich des Eisenhüttenwerkes für 6.000 M an den Domänenfiskus verkauft. Es wird wieder mit dem Hüttenwerk vereinigt. /1/ S. 84

Am 04.05.1896 findet im Schützenhaus Peitz die letzte Innungsversammlung der Tuchmacher statt. Das Tuchmachergewerk Peitz wird einstimmig aufgelöst. Es gibt kein Vermögen mehr und alle Verbindlichkeiten wurden beglichen. Die Gründung Friedrichs des Großen endet damit nach 125 Jahren, nachdem sie schon seit einiger Zeit ein Scheindasein geführt hatte. /1/ S. 99-100

Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz 1828, Quelle: diese Webseite
Das Siegel des Tuchmachergewerks zu Peitz von 1828.

1900

Die Hochstimmung über den Eintritt in ein neues Jahrhundert endet in Peitz rasch. Im Februar müssen die Gebrüder BUCHHOLZ für ihre Tuchfabrik in der Cottbuser Straße 2-3 Konkurs anmelden. Das Grundstück gehört nun der Dresdner Bank, die mit einer Trikotfabrik die Produktion fortsetzt. Der erste Weltkrieg beendet diesen Textilstandort endgültig. Am 17.04.1900 brennt die Tuchfabrik in der Dammzollstraße 52 nieder. Allein das große straßenseitige Gebäude blieb schwer beschädigt stehen. Julius GRÜNDER und Bruno GRÜNDER bauen diese Fabrik nicht wieder auf und konzentrieren sich auf die Kammgarnproduktion im Plantagenweg und im Georgenhof/Ottendorf. Als der Absatz von Kammgarnprodukten einbricht, müssen auch sie 1906 Konkurs anmelden. 1910 gab es mit der Firma REHN in der Schulstraße 8 nur noch eine große Tuchmacherfabrik in Peitz.

Die industrieelle Tuchfertigung existiert in Peitz ab 1913 an drei Standorten noch bis zum Ende der DDR. Dazu gehören die Firma Carl REHN in der Schulstraße 6-8, zuletzt der Peitzer Betriebsteil des VEB Textilkombinat Cottbus, die Lausitzer Kunstwollspinnerei Georg MARX im Plantagenweg 3, zuletzt Teil des VEB Halbmond Teppiche und die Lausitzer Wollwerke FRANCKE in Ottendorf. Dieser Standort ist gewissermaßen der letzte, der heute noch industriell genutzt wird. Hier befindet sich ein Industriepark. Eine Reißwollproduktion gibt es aber nicht mehr.

Details zu den einzelnen Tuchmacherstandorten und ihrer Weiternutzung beim Übergang zur industriellen Fertigung sind in deren Beschreibung zu finden.